Gastbeiträge

Secondos in der Schweizer Armee

 

Secondos in der Schweizer Armee
 
«Gebt mir einfach eine Knarre»
Die Zuwanderung belastet die Schweizer Armee. Sie muss überdurchschnittlich viele Eingebürgerte für untauglich erklären, weil sie ein Sicherheitsrisiko sind. Inoffiziell unterscheiden Aushebungsoffiziere bereits zwischen «echten» und «Papier-Schweizern». Von Daniel Glaus
Die ersten Stunden jedes WK verbringt Cyrill Kaiser* mit Sprechübungen. Der Oberwachtmeister der Gebirgsinfanterie lernt die Namen seiner Soldaten auszusprechen. Zungenbrecher, die heute Standard sind in Schweizer Pässen. Rund 630 000 Ausländer wurden seit 1983 eingebürgert – ein grosser Teil aus muslimischen Ländern.
Schweizer Soldaten mit Migrationshintergrund sind längst Alltag. Ein Merkblatt regelt Essens- und Gebetswünsche anderer Kulturen und Religionen: Muslime, die kein Schweinefleisch essen wollen, erhalten ein Spezialmenü. Auf Waffenplätzen wurden «Räume der Stille» eingerichtet für ihre Gebete. Dank den Sonderregeln scheinen selbst strenggläubige Muslime in die Armee integriert zu sein.
Die Realität ist eine andere: Verglichen mit ihren hier geborenen Altersgenossen, leisten eingebürgerte Schweizer deutlich weniger oft Militärdienst. Während sich «Urschweizer» zunehmend aus Bequemlichkeit in den Zivildienst abmelden, liegen die Gründe bei den untauglichen «Neo-Schweizern» anders.
Es sind oft Möchtegernrambos, denen die Armee keine Waffe geben will. Oder die so miserable Sprachkenntnisse haben, dass man ihnen die Waffe gar nicht erklären könnte.
Für die Armee ist das Thema ein Tabu. «Die Armee unterscheidet nicht zwischen eingebürgerten und gebürtigen Schweizern», heisst es bei der Kommunikationsabteilung.
Für jene Armeeangehörigen, die den Stellungspflichtigen während der Aushebung gegenüberstehen, ist es offensichtlich: Eingebürgerte sind auffällig interessiert an den Kampfeinheiten. Zum Aushebungsoffizier sagen sie zuweilen offen, es sei ihnen egal, wo sie eingeteilt würden «Gebt mir einfach eine Knarre!» ist das Motto. In den Rekrutierungszentren kommt das so oder ähnlich regelmässig vor. Offen sagen darf das jedoch niemand, der nicht Karriere oder Stelle gefährden will.
«60 Prozent kann man nicht brauchen»
Die Beobachtungen sind eindeutig: Vor allem junge Eingebürgerte oder Schweizer zweiter Generation mit Wurzeln in der Türkei oder auf dem Balkan müssen ausgemustert werden, weil sie als Sicherheitsrisiko gelten. Ein Armeeangestellter, der jedes Jahr Hunderte junger Männer vor sich hat, spricht von 60 bis 70 Prozent der stellungspflichtigen Secondos, die «man nicht brauchen» könne. Der offizielle Durchschnitt untauglicher Männer für das Jahr 2008 lag bei 36 Prozent.
«Risiko für die öffentliche Sicherheit» ist kein offizieller Untauglichkeitsgrund. Die meisten der potenziell gefährlichen Waffennarren mit Migrationshintergrund werden aus «psychischen Gründen» ausgemustert. Über die Hälfte aller Untauglichkeitsentscheide, rund 53 Prozent, wurde 2008 so begründet. Seit Jahren ist der Anteil konstant hoch.
Für die Rekrutierungsoffiziere ist klar, dass Tausende eingebürgerter Schweizer in die Armee drängen, um gratis zu einem fabrikneuen Sturmgewehr zu kommen. «Auf dem Balkan und in der Türkei sind ein Gewehr und eine Uniform eben wichtige Statussymbole», sagt ein Mitarbeiter eines Rekrutierungszentrums. Hinzu komme, dass der Dienst an der Waffe vor allem bei Männern beliebt sei, die eine bescheidene Bildung und begrenzte Karriereaussichten hätten. Letzteres gelte auch bei Schweizern. Doch die Aushebungen zeigten deutlich, dass es ein Secondo-Phänomen sei, sich mit einer Armeewaffe Geltung und Anerkennung zu verschaffen.
Kaum Deutschkenntnisse
Dass die Armee bei der Aushebung überdurchschnittlich viele Eingebürgerte «aus psychischen Gründen» ablehnt, um sie von Waffen fernzuhalten, ist nur die eine Belastung durch Zuwanderung. «Erschreckend» sei auch, wie viele Eingebürgerte nur bescheiden oder überhaupt nicht Deutsch könnten, sagt einer der Rekrutierungsprofis. «Zum Glück kann ich gut Englisch, so können wir uns meistens doch irgendwie verständigen.» Tauglich sind solche Stellungspflichtigen selten – trotz hoher Motivation. Verteidigungsminister Ueli Maurer (SVP) bestätigt das: «Wir haben tatsächlich gelegentlich das Problem, dass einige Schweizer keine Landessprache genügend beherrschen, um Militärdienst zu leisten», sagte er kürzlich in einem Interview auf 20 Minuten online.
Mangelnde Sprachkenntnisse, teilweise eklatante Bildungslücken und eine eigentliche «Waffengeilheit»: In den Rekrutierungszentren fallen viele eingebürgerte Schweizer aus dem Balkan und der Türkei derart aus dem Rahmen, dass einige Mitarbeiter mittlerweile Vokabular aus der Rechtsextremenszene verwenden – «Papier-Schweizer» werden von «echten Eidgenossen» unterschieden.
Oberwachtmeister Kaiser passt das: «Halbschlaue Rambos kann ich nicht brauchen.» Doch jene Secondos, die es in die Armee schaffen, würden meistens «Gas geben» und setzten sich voll ein. Viele hätten auch mehr Respekt vor Vorgesetzten als mancher «Urschweizer».
 
*Name geändert - Weltwoche 42/10
 
Quelle: http://fact-fiction.net/?p=5223#more-5223